Improvisation im Musikunterricht

Einschneidendes Erlebnis führte zur Improvisation

Als am Morgen des 27. Septembers 2001 das schreckliche Attentat im Kantonsrat von Zug geschah, hatte ich am selben Nachmittag in Rotkreuz zu unterrichten. Aus den Medien hatte ich am Mittag bereits einige schreckliche Meldungen vernommen. In der Schule wurde aber bereits detailliert informiert, und so berichtete mir am Nachmittag meine erste Schülerin Tamara, dass Herr Wismer, Kantonsrat aus Rotkreuz, erschossen worden sei und Frau Ithen, Sekundarlehrerin aus Rotkreuz, im Koma liege. Total geschockt nahm ich diese Nachrichten auf und wusste, dass ich Herrn Wismer noch am Morgen zur Arbeit gehen sah. Als erstes zündete ich eine Kerze an, die ich von Zuhause mitgebracht hatte. Unsere Stimmung war sehr gedrückt. Was war jetzt zu tun? Normal musizieren war nicht möglich. Wir hatten versucht wie üblich zu beginnen aber es ging nicht. Den Musikunterricht abzubrechen, schien mir auch nicht richtig. In jenem schwierigen Moment kam mir die Idee des Improisierens. Ich begann ein einfaches Bassostinato zu spielen, das auf C-Dur basiert, und das Spielen der rechten Hand mit den Tönen der C-Dur-Tonleiter erlaubt. Nun forderte ich Tamara auf: "Spiel mit. Lass Deinen Gefühlen freien Lauf und spiel dir die schmerzenden Gedanken von der Seele." Sie schaute mich verdutzt an, denn wir hatten zuvor noch nie wirklich improvisiert. Ich erklärte ihr, dass ich mit ihr gemeinsam musizieren werde, und sich unser Spiel überlagern werde. Ausprobieren und einfach loslassen, das sei unser Ziel.
Als Hilfe, und um ihr Mut zu machen, begann ich zu spielen. Ich spielte vor mich hin und Tamara fasste sich bald ein Herz und spielte mit. Es war eine Wohltat loslassen zu können und auszudrücken wie bewegt und innerlich aufgerüttelt wir waren. Es tat einfach gut. Wir musizierten eine ganze Weile vor uns hin und besprachen nachher das Erlebte. Wir waren uns einig: Jetzt können wir etwas Neues in Angriff nehmen. Für mich war dies ein prägendes Erlebnis mit Improvisation.

Corinne Thomann-Hegglin